Binary Reflections. Part 01: One or two thoughts on incompleteness.

F/D/A / Video Full HD 16:9 / 11:30 Min. Farbe/Stereo / Marion Porten © 2015

Eine Begegnung mit der Skulptur Hermaphrodite endormi* im Pariser Louvre Museum ... und ein wenig Unterstützung von The Fluffy Pink Block Drummers ***

Menschen drängen sich um eine lebensgroße liegende Figur aus Marmor. Mitten drin die Kamerafrau, eine unter vielen. Die Rücken der Museumsbesucher_innen verdecken die Sicht der Kamera. Alles um die statische Skulptur herum ist in Bewegung. Die Kamerafrau scheint die Orientierung im Gedränge zu verlieren, ihr Fokus verschiebt sich dabei.

Es folgen Aufnahmen von üppigen Falten, barocken Auswölbungen, spitzen Rosetten, - samtweich polierter Stein. Nahe Details der marmornen Matratze und Fragmente des liegenden Körpers in der Museumshalle. Mit im Bild sind Füße, Beine und Hände von Museumsbesucher_innen, die sich weiterhin um das Objekt sammeln und herum bewegen. Aus dem Off hören wir Gesprächsfetzen, ein permanenter Schwall von Worten über die Figur "schlafende_r Hermaphrodit_e"*, über Sexualität, Maskulinität, Femininität, Geschlechtsmerkmale, ... Verwirrung, Gelächter.

Der Ton im Museum bricht ab. Eine Stimme aus dem Off (die Kamerafrau) spricht die schlafende Figur an: "So, you are a thousand years old, then? I'm over forty. ... How are you today? ...
What language do you speak? ... Who kidnapped you to Paris?"
Die Stimme erzählt von der Geschichte der Verschmelzung von Hermaphroditos und Salmakis in der griechischen Mythologie und setzt dieses Ereignis in Beziehung zu ihrer eigenen Kindheitsgeschichte; eine frühe Konfrontation mit dem Dilemma der binären Geschlechter-konstruktion. Als eineiiger Spiegelzwilling**, sich anscheinend als der "seitenverkehrte" Teil der identischen Schwester begreifend, definierte sie sich als Junge …

Immer häufiger drängen sich Bilder eines Draußen zwischen die Aufnahmen im Innern der Museumshalle. Schreitende Füße auf Asphalt, trommelnde Hände. Alles in Pink. Eine lautstarke und bildgewaltige Performance einer Trommler_innen Truppe***, die letztendlich in die Museumshalle hörbar eindringt und das Sprechen der Museumsbesucher_innen und der Kamerafrau übertönt.

Das Bild eines pinken Trommelschlägels; fest im Griff einer muskulösen Hand kontrastiert die abgebrochenen Finger der Hand in Marmor. Zwischen diesen Bildern entsteht ein queeres Bild des Widerstands gegen eine noch immer vorherrschende binäre Gendernormierung, ein Bild gegen ein sich einfügen in vorgeschriebene Geschlechterrollen.

Der Film ist einen Versuch in Solidarität; er beschreibt den Moment, in dem wir uns mit unserem Gegenüber verbünden, in dem wir eine Verbindung herstellen und dabei gleichzeitig die gegenseitigen Unterschiede anerkennen und sichtbar halten. You and me are more than three.


* Anfang 2014 entdeckte ich im Louvre in Paris die berühmte Marmorskulptur "Hermaphrodite endormi" die vor circa 1000 Jahren in Rom ausgegraben wurde. Die Figur huldigt der Figur der griechischen Mythologie und somit den Schönheitsidealen und Geschlechtskonzepten von "feminin" und "maskulin" der griechischen Antike. Im 16. Jhdt. meißelte der italienische Bildhauer Bernini für sie eine Matratze die seither als Sockel dient. Dieses Ensemble ist heute eine Attraktion in der Skulpturen-Sammlung im Louvre.

** Circa 20% aller eineiigen Zwillinge sind Spiegelzwillinge, d.h. eine Person ist linkshändig, die andere rechtshändig; ihre äußeren Merkmale, wie Leberflecke, Zahnstellungen, Haarwirbel, etc. sind gespiegelt.

*** *Die Aufnahmen der Trommler_innen entstanden bei der LGBTIAQQ Pride Parade in Budapest 2013. Eine Gruppe internationaler Aktivist_innen formieren sich zu den "Fluffy Pink Block Drummers" um gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus, Klassismus zu protestieren und Widerstand zu leisten

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