Der Rücken der Dirigentin

2011 (re-edit 2015) / Video & 9 Zeichnungen / HDV / 16:30 min. / color / sound

“Von dem Dirigierenden verlangt man Führungsqualitäten, Autorität und neben überragender Musikalität auch die Fähigkeit, formale Zusammenhänge großen Ausmaßes geistig zu bewältigen. Dem Dirigenten, der mit leeren Händen gestaltet, haftet etwas Unkörperliches, Abstrakt-Geistiges an. Diese Eigenschaften sprach man der Frau lange Zeit ab.” (1)

Im Zentrum des Films steht der Taktschlag; der Inbegriff einer kunstvollen Machtgeste, ein klassisches Beispiel männlicher Inszenierung. Zwei Dirigentinnen eignen sich die Kunst der Musikdarstelllung an und nehmen sie dabei auch gleich wieder auseinander.

Die Dirigierstudierende Maria José Villamil-Rodriguez* visualisiert und erläutert das aufgeladene Bewegungsrepertoire von Dirigent_innen. Die Kamera folgt dabei ihren Händen während sie konzentriert die Gesten für Auftakt, Phrasierung und Crescendo darstellt. Villamil-Rodriguez kommentiert und überzeichnet dabei auch die traditionellen Schlagfiguren ihrer männlichen Vorgänger.

Sie dechiffriert damit dem Publikum, was die Dirigentin Monica Buckland** bereits in der Auftaktszene performt hatte. Die erste Einstellung des Films zeigt Buckland bei einer Orchesterprobe; ein fünfminütiger Prolog, indem wir der Dirigentin gegenüberstehen und beobachten, wie sie den Raum mit ihrer Körpersprache gestaltet und einnimmt.

„Ich habe beim Dirigieren eine aufrechte Haltung. In einer Probe während meines Studiums wurde ich von meinem Professor darauf hingewiesen, dass bei meiner Körperstellung mein Busen so hervortreten würde. Ich sollte doch versuchen eine etwas gebeugtere Haltung einzunehmen.“ (2)

Der Akt der Aneignung und Vermittlung der beiden Frauen öffnet den Raum für grundsätzliche Fragen nach Emanzipation und Reproduktion von Machtverhältnissen, von Rollenzuschreibungen im Kontext von Gender und Kulturproduktion. Das Kameraauge steht dabei in einem Spannungsverhältnis von Faszination, Demontage und Komplizinnenschaft mit den Protagonistinnen.

„Der Punkt, dass Dirigentinnen genauso selbstverständlich wie Dirigenten würden, wäre wahrscheinlich erst dann erreicht, wenn die Existenz des Dirigenten insgesamt überflüssig geworden wäre, .... wenn das Bild der Macht seinen Zauber und seine Funktion verloren hätte.“ (3)

*Maria José Villamil-Rodriguez studierte zu Zeit der Filmaufnahmen das Dirigierfach in Wien. Gleichzeitig dirigierte sie den Vienna International Gospel Choir. **Monica Buckland dirigierte zur Zeit der Filmaufnahmen das Universitätsorchester Dresden.

(1) Eva Rieger, Frau, Musik und Männerherrschaft, 1981 (2) Dirigier-Studierende im Interview, (anonym), 2011 (3) Hans Klaus Jungheinrich, Der Musikdarsteller,1986

Ausstellungsansicht: Galerieb2, Leipzig, 2011 / © Andreas Schulze
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