Frau* auf der Akademie / Teil I: Mission Statements

2018 / Video / HD / 22:00 min. / color / sound / tschechisch & deutsch / (englische UT)

„Es gibt nicht den geringsten Grund, moralisch oder faktisch, die Frauen von der Aufnahme in die Akademie der bildenden Künste auszuschließen." (1)

„Die unausbleibliche Folge der Zulassung von Mädchen wäre das Überhandnehmen des Dilettantismus und das Zurückdrängen des männlichen Elements." (2)

Ich begegnete kurz vor Ende meines Dienstvertrages einer namenlosen Gipsbüste (um 1900) im Keller der Akademie. Ich hatte zwei Stockwerke über ihr viele Jahre als Universitätsassistent*in gearbeitet. Mein Film zeichnet die Gewalt der Ein-/Ausschlüsse historischer emanzipativer Prozesse im Kontext von Kunstausbildung und Frauenbewegungen nach und setzt diese in Beziehung zu gegenwärtigen feministischen Repräsentationsstrategien der Akademie.

„[...] so mag man unter den sich Meldenden die besten aussuchen, einerlei ob Mann oder Frau, aber man mag die Ausländer zu Gunsten der deutschen Frauen zurückstellen." (3)

„Es wäre gut für den Bund, wenn wir einmal eine verheiratete Frau an der Spitze hätten. Es wäre im Augenblick zweifellos ein taktischer Vorteil, wenn es keine Jüdin wäre." (4)

Durch die Detailaufnahmen wird die verstaubte Büste zur Projektionsfläche, sie ist Adressat*in, Sprechende und Repräsentant*in zugleich. Ihre Bilder werden unterbrochen von Aufnahmen in der Gipswerkstatt der Kunstakademie Wien. Werkzeuge in Nahaufnahme kontrastieren die Bilder der Büste, Arbeitsprozesse werden filmisch begleitet, Hände in Gummihandschuhen rühren und kneten den flüssigen, breiigen Gips.

Mit den Bildern verwebt sich eine Textcollage historischer Petitionen, Vorträge und Stellungnahmen  im Kontext der Zulassung für Frauen an die Akademien um 1900. Diese treffen auf Mission Statements, Frauenförderpläne und Statistiken von Bewerber*innenbefragungen 100 Jahre später. Wem stand damals ein „Platz an der Sonne“ zu –  und wer schafft es heute die Stufen rauf und durch die schweren, riesigen Türen der Akademie?

„Die Stärke der Akademie liegt heute einerseits in ihren erfolgreichen, international renommierten Lehrenden und andererseits in den Studierenden, die aus über 50 Ländern nach Wien kommen. Dabei wird berücksichtigt, dass Wien eine zentrale Rolle als Mittlerin zwischen Ost und West einnimmt." (5)

„Von insgesamt 49 BewerberInnen aus „osteuropäischen“ Staaten, wurden unterdurchschnittlich wenige, nämlich nur 5 Personen zugelassen. Demgegenüber werden BewerberInnen aus Deutschland überdurchschnittlich häufig zum Studium zugelassen." (6)

Die Diskrepanz zwischen den inhaltlichen Ansprüchen einer – sich heute als feministisch positionierenden – Bildungsinstitution und seiner Realitäten wird vielstimmig inszeniert und findet durch die pointierten Bildsetzungen von Gerätschaften, Gummihandschuhen, Gipskleksen ihren absurden und gewaltvollen Ausdruck.

„Der Frauenanteil liegt in beinahe allen Organisationseinheiten über 50, wenn nicht gar über 60 %.“ (7)

„Sieben Personen verweigerten eine Antwort in Bezug auf das Geschlecht. Nur jeweils eine Person beschrieb das Geschlecht mit einem Fragezeichen bzw. als trans. Damit sind nur für männliche und weibliche BewerberInnen ausreichend hohe Fallzahlen vorhanden, eine separate Auswertung anderer Geschlechtsidentitäten ist in Folge nicht möglich." (8)

„Zur Fokussierung dieser Aktivitäten hat die Akademie eine Internationalisierungsstrategie entwickelt." (9)

„Der Studienbeitrag beträgt 363,36 € pro Semester für Studierende aus Österreich und anderen EU-Staaten und Staaten des europäischen Wirtschaftsraumes, - bzw. für Drittstaatenangehörige 726,72 € pro Semester." (10)

„Qualitätsanspruch und Qualitätssicherung. Wir insistieren auf höchstes Niveau in der Lehre und Forschung und ermutigen gleichzeitig zum Experiment. Zur Sicherstellung dieser Qualitäten werden die Studierenden in einem mehrteiligen Auswahlverfahren ermittelt." (11)

"Bewerber*innen mit niedriger  formaler Bildung der Mutter werden dreieinhalbmal seltener zum Studium zugelassen als wenn die Mutter Akademikerin ist." (12)

„Nur 8 von 237 österreichischen Befragten (3 %), geben an, dass ihre Mutter als Arbeiterin tätig ist." (13)

„Dem Lehren und Forschen an unserer Kunstuniversität liegt ein differenzierter Kunstbegriff zu Grunde: „Transkulturelle Ästhetiken mit post-kolonialem, queer-feministischem und kapitalismuskritischem Fokus." (14)

* AdbKW = Akademie der bildenden Künste Wien
(1) 1911, Petition v. 30 Frauenvereinen aus Böhmen, Mähren, Galizien an das K.K. Ministerium für Unterricht und Kultus in Wien
(2) 1904, Ablehnungsbeschluss von Professoren der AdbKW an das K.K. Ministerium
(3) 1913, Das Kunst-Studium der Frauen. Vortrag von Henni Lehmann
(4) 1914, Brief von Gertrud Bäumer, Bund Deutscher Frauenvereine
(5) 2016, Mission Statement, Website, AdbKW
(6) 2010, Endbericht BewerberInnenBefragung am IBK 2009, Barbara Rothmüller, AdbKW
(7)(12)(13) 2017, Frauenbericht 2015, Denise Beer, AdbKW
(8) 2010, Endbericht BewerberInnen-Befragung am IBK 2009, Barbara Rothmüller, AdbKW
(9) 2014, Internationalisierungsstrategie, Website, AdbKW
(10) 2017, Studieninfo, Website, AdbKW
(11)(14) 2016, Mission Statement, Website, AdbKW

Film Credits / Kamera, Ton, Schnitt, Regie: Marion Porten / Voice Over: Jeannine Baillieu, Claudia Czesch, Marion Porten, Barbara Rothmüller, Alena Tichá / Gipsende Hände: Tatjana Danneberg

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