Der Rücken der Dirigentin (Für sixpackfilm)


Andrea B. Braidt, Filmwissenschaftlerin, Vizerektorin der Akademie der Bildenden Künste Wien


Der Film von Marion Porten wird zu großen Teilen von einer Einstellung getragen, die vordergründig genau das Gegenteil von dem zeigt, was der Titel verspricht: Wir sehen aus der Perspektive des Orchesters das Brustbild einer Dirigentin, eine Probe von Hector Berlioz’ Le Corsaire leitend. Die Künstlerin verrichtet Schwerarbeit, all ihre Konzentration fokussierend, mit präzisen Gesten die Musik buchstäblich aus dem Off hervorbringend. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass andere physische Quellen der Musik nicht zu sehen sind: kein Instrument, kein Plattenspiele, nur an wenigen Stellen sehen wir die Spitze eines Geigenbogens in den linken unteren Bildrand dringen. Dieses Detail vermittelt eine seltsame dokumentarische Evidenz, verleiht der Einsamkeit dieser Musikarbeiterin Kontext.

Porten setzt sich in ihrer intensiven, reduzierten und formal bestechenden Arbeit mit der Vergeschlechtlichung jener Funktion des klassischen Musikbetriebs auseinander, die als die schwierigste, intellektuellste und autoritärste gilt. Selbstverständlich, möchte man sagen, eine nahezu ausschließlich Männern vorbehaltene Funktion. Bis heute. Porten lässt Studierende des Dirigierens wie auch Musikwissenschafter_innen Einblicke in das Dirigieren aus unterschiedlichen Perspektiven geben, Zitate die wie in Stein gemeißelt die Praxen der Perpetuierung des unumstößlich scheinenden männlichen Musikgenies ausführen. Doch mit überzeugter und gleichzeitig spielerischer Leichtigkeit gelingt der Filmemacherin die Durchschreitung und Dekonstruktion dieser Klischees: Der gestische Nachvollzug von Dirigieranleitungen, die wie Schnittvorlagen aus Nähzeitschriften aussehen, siedelt das Dirigieren irgendwo zwischen einem Brettspiel und einer Pantomime an.

Auf dem Rücken der Dirigentin, die jahrhundertelang nicht ans Pult konnte, wurde ein ganz spezifischer Geschlechterkampf ausgetragen. Porten gelingt es, ein mögliches Ende dieses Kampfes in den Blick zu bekommen.

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