Interview


„Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht, als die Tätigkeit des Dirigenten.“
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Arne Linde, Galeristin in Leipzig und Mitbegründerin der pop-feministischen DJ-Vereinigung Propellas im Gespräch mit der in Wien lebenden Künstlerin Marion Porten über deren jüngstes Video Der Rücken der Dirigentin.

Arne Linde: Der Rücken der Dirigentin ist eine knapp 13minütige Videoarbeit, die sich mit der Figur der Dirigentin auseinandersetzt.  Du zeigst zwei Frauen; zum einen die Dirigentin Monica Buckland, Chefin des Universitätsorchesters Dresden und zum anderen Die Dirigier-Studentin Maria José Villamil-Rodriguez aus Wien.
Marion Porten: Genau. Grundsätzlich geht es darum, dass hier Frauen in einem Beruf agieren, der traditionell ein Männerberuf zu sein scheint. Was mich interessiert hat ist zum einen der Beruf mit all seinen Einschreibungen und Ausschlussmechanismen; und zum anderen wie und auf Grundlage welcher historischen Bedingungen dies heute von einer Frau gemacht wird. Je länger ich mich mit dem Beruf des Dirigierens beschäftigt habe, desto stärker rückte auch die Frage in den Vordergrund: Was passiert überhaupt, wenn eine Person sich erhebt und ein System ordnet.

Arne Linde: In deinem Film sehen wir Monica Buckland zunächst beim Dirigieren einer Orchesterprobe. Als Betrachterin deiner Arbeit habe ich anfänglich eine ähnliche Perspektive auf die Dirigentin wie das Orchester. Ich verfolge ihre Bewegungen nach und versuche die Zeichen zu verstehen. Da ich aber passiv bin – also nur Beobachterin – habe ich aber auch eine ähnliche Rolle wie das Konzertpublikum. Zudem bin ich Besucherin eines Ausstellungsraumes oder Kinos und damit ebenfalls eher Teil einer Masse oder eines Publikums.
Marion Porten: Es werden dadurch sehr verschiedene Bezüge und Formen der Identifikation oder Assoziation möglich.

Arne Linde: Die Dirigentin wird von deiner Kamera fokussiert – und steht, genau wie im Konzertsaal, im Mittelpunkt des Interesses.
Marion Porten
:  Aber aus einer anderen Perspektive. Seit 200 Jahren wird die Person auf dem Podium inszeniert. Schon in der Architektur des Konzertsaals, genauso wie in Literatur und Film, geht es bei den Darstellungen stets um die Heroisierung und Überhöhung des/der Dirigent_in, eine Festschreibung des Mythos der Allmächtigkeit mit formalen Mitteln. Meine Kamera steht im Gegensatz dazu auf Augenhöhe mit Monica Buckland. Ich schaue nicht zu ihr auf. Genauso ist das Publikum im Ausstellungsraum mit der Protagonistin auf Augenhöhe. Und ja, sie steht hier im Mittelpunkt des Interesses, aber in der leichten Verschiebung wird grade keine Überhöhung vorgenommen, sondern in Frage gestellt. Das versuche ich auch dadurch herzustellen, dass etwa das Mikrophon nicht vordergründig das Orchester aufnimmt, sondern die Dirigentin, die kommentiert und mitsummt, . Das zeigt sie viel stärker in ihrer individuellen Persönlichkeit, als es ein Publikum im Konzertsaal wahrnehmen kann, welches sie ja meist nur von hinten sieht.

Arne Linde: Ganz anders, als zum Beispiel Lady Gaga es tut, die auf der Bühne nicht mal einen Schluck Wasser trinkt, um die Inszenierung als Kunstfigur und übermenschliches Wesen nicht zu brechen. Sie macht also quasi genau das Gegenteil von dem was du in deinem Film tust: sie entmenschlicht sich in ihrer Selbstüberhöhung und reflektiert das Verhältnis von Superstar und Fan, beziehungsweise Einzelnem und der Menge der Betrachter_innen durch absolute Überstilisierung. Auch sie unterscheidet dabei offenbar zwischen Rolle und Person.
Marion Porten
: Ich versuche eher eine Entmystifizierung der Rolle, indem ich die Person hinter der Inszenierung zeige, ohne die Inszenierung dabei aus den Augen zu verlieren.

Arne Linde: Eine weitere Person taucht im zweiten Teil deines Films auf, Maria José Villamil-Rodriguez, sie studiert Dirigieren. Auf der Grundlage von gezeichneten Dirigierfiguren gibt sie uns Betrachter_innen Einblick in die Zeichensprache und Gesten, die sie erlernt.
Marion Porten: Es wurde für mich immer wichtiger, neben der spezifischen Rolle von Frauen auf dem Podium, auch die Rolle der Zuschauer_innen und Zuhörer_innen zu untersuchen, ihre Projektion auf die Figur da oben, ihren Blick auf den Rücken der Dirigentin. Als ich dann diese linearen Dirigierfiguren in Lehrbüchern entdeckte, haben sie mich gleich formal angesprochen. Ich fand diese Schlagfiguren, wie sie auch genannt werden, als grafische Zeichen toll, so reduziert und simpel. Ich wollte mit und durch Maria diese Codes, dieses Zeichenrepertoire lesen lernen und auch für das Publikum dechiffrieren. Und bei den Dreharbeiten passierte es dann spontan, dass Maria Zeichnungen kommentiert, kritisiert und sogar überzeichnet. Sie zeigte damit ihr eigenes, emanzipiertes Verhältnis zu den tradierten Vorlagen und Anweisungen. Das war ein Glück!

Arne Linde: Das heißt, sie ermächtigt sich selbst, den Kanon und die Gesetzmäßigkeiten dieser Zeichensprache in Frage zu stellen. Und wir als Betrachter_innen bekommen ebenfalls Einblick in die Geheimnisse des Dirigierens, eignen uns – in diesem Fall in ziemlich kleinen, symbolischen Dosen – ein Wissen an, was uns ermächtigen kann.
Marion Porten: Ja, und wenn ich weiß, was und wie gesprochen wird, kann ich es mir auch aneignen, verändern oder hinter mir lassen. Ich bin modernen Modellen und zeitgenössischen Ansätzen, besonders auch zeitgenössischen Komponist_innen begegnet, die beispielsweise die Dirigent_innenrolle aus den orchestralen Werken gestrichen haben oder auf experimentelle Weise versucht haben, die Machtverhältnisse im Orchester zu verändern. Zum Beispiel war das dirigent_inlose, russische PERSIMFANS-Orchester in den 1920er Jahren sehr berühmt und erfolgreich, das war als symbolischer Akt zu dieser Zeit sehr schlagkräftig: Der/die Dirigent/in wird als absolutistisches Herrschaftssymbol abgelehnt. Es geht auch ohne! - Die Proben haben halt nur ein wenig länger gedauert. Auch auf theoretischer Ebene gibt es seit langem eine kritische Auseinandersetzung mit der Position von Dirigent_innen. Der Musiktheoretiker Hans Klaus Jungheinrich hat in seinem Buch Der Musikdarsteller in den 80er Jahren die Frage gestellt, wann Dirigentinnen genauso selbstverständlich würden, wie Dirigenten. Er stellte die These auf, dass dieser Punkt genau dann erreicht wäre, wenn die Existenz von Dirigent_innen insgesamt überflüssig geworden wäre, wenn das Bild der Macht seinen Zauber verloren hätte und keine/r mehr diese Art der Inszenierung sehen wollte.

Arne Linde: So weit sind wir auch 30 Jahre nach der Formulierung dieser These nicht. Weder in der Musik noch in anderen Bereichen des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens. Und vermutlich wird es auch immer Menschen geben, die sich – um in Deinem Bild zu bleiben – nach vorne Stellen und das System organisieren. Du als Regisseurin des Films bist zum Beispiel auch auf eine Weise Dirigentin des Geschehens. Wie groß ist der Reiz dieser Machtposition?
Marion Porten: Als Künstlerin ermächtige ich mich ständig, indem ich eine Vorstellung, ein Anliegen formuliere! – Klar spüre ich die Verantwortung und Aufmerksamkeit die mir zuteil wird, wenn ich als Regisseurin agiere. Da ich das im Prozess meiner Arbeit stark reflektiere, beeinflusst das zum einen die Arbeitsweise und zum anderen die Form dessen, was dabei herauskommt. Die Menschen, die ich in meine Projekte einbinde, gestalten durch ihre Ansichten die Arbeit mit. Den Entstehungsprozess, den ich mit den Menschen erlebe, die die Themen leben, die ich bearbeite, erfahre ich immer als inspirierenden Austausch, als bereichernde Auseinandersetzung. Ich will damit am Ende nicht zu einem Produkt gelangen, was dann selbst die Aura eines Meisterwerkes hat. Die Form der Arbeit bleibt fragmentarisch, manchmal fast provisorisch, glänzt nicht, ist mit einfachen technischen Mitteln umgesetzt und man/frau kann immer sehen, wie’s gemacht ist!

Arne Linde: Genau so sehe ich deinen Film: er scheint mir kein Manifest zu sein und du als seine Regisseurin stellst dich nicht auf einen Sockel um Antworten oder Anweisungen für dein Publikum zu formulieren. Sondern du öffnest einen Raum, in dem ich mich als Betrachterin positionieren muss, in dem Strukturen beleuchtet werden, die ich dann möglicherweise in einem zweiten Schritt hinterfragen kann. Er zeigt den Rücken der Dirigentin ebenso wie den Rücken der Regisseurin?
Marion Porten: ... den Rücken dann aber nicht als Sinnbild für die Projektion des Publikums und auch nicht als Geste der kühlen Abwendung verstanden, ... sondern eher das Zulassen des Blicks auf den Rücken als Geste des sich Zeigens, ein Moment der Öffnung und Unabgeschlossenheit, ... der kurze Einblick in den eigenen Backstage-Bereich.

Der Rücken der Dirigentin – zu sehen Ende März auf der Diagonale in Graz www.diagonale.at

Arne Linde
leitet die Galerie ASPN in Leipzig und ist Autorin zahlreicher Texte über zeitgenössische Kunst

Marion Porten
ist Künstlerin und unterrichtet an der Akademie der Bildenden Künste Wien im Fachbereich Video und Videoinstallation

Referenzen
Lebrecht, Norman: Der Mythos vom Maestro, Zürich, M & T Verlag, 1992