Stop Acting, The Truth Is Real!

Susanne Altmann, Kuratorin, 2008

Bis auf die englischen Untertitel bleibt die Projektionsfläche dunkel und wird damit zu einem symbolischen Raum oder besser: Sie löst ihre buchstäbliche psychologische Dimension ein. Denn alles, was die Stimme aus dem Off nun spricht, können die Betrachter mit eigenen Bildern und Vorstellungen hinterlegen. Film ab also für unseren persönlichen Zusammenschnitt von sozialen Klischees, von einst gesehenen Theateraufführungen, Kunstwerken, menschlichen Begegnungen und von geschlechtlichen Rollenverständnissen. Denn wir hören die Stimme einer älteren Frau, die einen der berühmtesten Monologe zumindest der deutschsprachigen Theatergeschichte spricht. Es handelt sich um Goethes Faustworte, in denen dieser als betagter, weitgehend illusionsloser Wissenschaftler mit seinem Welt- und Naturverständnis ringt. Ein bitterer, ein verzweifelter Text fast, den das Streben nach Wissen und das Eingeständnis des eigenen Unwissens trägt.      

Normalerweise wird diese Passage natürlich von einem Mann vorgetragen. Ihre Universalität jedoch wirkt fast unabhängig vom Geschlecht, zumal sie einen Reifeprozess und auch die Unumkehrbarkeit des Alterns und menschlicher Ambitionen abbildet. Die 80jährige Leipziger Schauspielerin Christa Gottschalk ist als Darstellerin des Gretchen in der DDR berühmt geworden, sie kennt diesen Text in- und auswendig. Nach einem erfüllten Schauspielerleben hat sie offensichtlich kein Problem damit, sich auch mit der Figur des Faust zu identifizieren und wirkt so für die Zuhörer glaubhaft. Im Prolog erklärt sie, wäre es um Gretchen gegangen, so hätte man sich eine jüngere Darstellerin suchen müssen und in langen Vorgesprächen mit der Künstlerin entschied sie sich gegen einen visuellen Auftritt. Diese Haltung ist vollkommen verständlich, bildet aber auch gesellschaftliche Normen ab. Alter gilt nach wie vor als Abweichung von diesen.

Subtil und mit großem Respekt legt Marion Porten derlei Mechanismen von Konstruktion und Dekonstruktion, von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung offen. Die Projektionsfläche füllt sich mit imaginären Bildern und Gesten. Es scheint nur allzu folgerichtig, dass die Künstlerin sich in dieser speziellen Arbeit dem unsichtbaren Wirken solcher Phänomene widmet. Über Jahre hinweg hat sie geschlechtsspezifische Stereotype und deren Wirkmächtigkeit untersucht. So spürt ihr animierter Film „The Beard Stroke“ (2004) etwa dem Bedeutungsspektrum einer gebräuchlichen Geste nach, nämlich der streichelnden Berührung des eigenen Kinns zwischen Nachdenklichkeit und Erotik – zwischen männlicher Konnotation und geschlechterübergreifender Anwendung. Dabei und auch in der Untersuchung des Pullover-Ausziehens („Take off a Sweater“, 2005) agiert Marion Porten als ihre eigene Darstellerin. In dem Maße nun, wie sich ihr künstlerischer Beobachtungsradius vergrößerte, tauchen Fremdprotagonisten auf, die im Falle des Faustmonologs und auch in der Arbeit „Stop Acting…The Truth is Real!“ (2007) gleichzeitig als Probanden eines quasi-anthropologischen Experiments fungieren. So beleuchtet „Stop Acting…” etwa das überlappende Rollen- und Realitätsverhalten der ukrainischen Schauspielerin Tamara Plaschenko. Als Aufhänger diente eine Episode, in der sich die Akteurin auf der Bühne eines anderen Landes, in einer anderen Sprache von einer jungen Kollegin gespielt, plötzlich selbst wiedererkannte. Vor vielen Jahren hatte man einen Auftritt von ihr in Tschernobyl gefilmt und dieses Material in einen schwedisches Stück verwendet. Es waren Worte; ein Witz, den Plaschenko damals erzählt hatte, der diesen Wiedererkennungswert auslöste. Doch genauso konnte sie sich  anhand eines bestimmten Repertoires von Gestik, Mimik und Körpersprache identifizieren. Für Marion Porten Anlass, gemeinsam mit Tamara Plachenko diese Vorgänge zu rekonstruieren – als vielschichtige Befragungssituation und Reenactment. Im Verlaufe der Zusammenarbeit wurde immer deutlicher, dass sich Authentizität als Ausdruck von ungekünstelter Wahrhaftigkeit eigentlich nur in der Darstellung von Nichtdarstellung vermittelt. Eine paradoxe, vielschichtige Situation, die die Inszenierung mit ihren Wiederholungen und Versuchen zu fassen versucht.

Doch der Film zeigt auch – wie die vorangegangenen Studien von Marion Porten – archaische Muster, die unseren zwischenmenschlichen Umgang bestimmen und demaskiert gleichzeitig die Unbeständigkeit beziehungsweise die Verhandelbarkeit von gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen: „Stop Acting…“     


Text aus:
Marion Porten / Einzelkataloge der Columbus,
Ohio StipendiatInnen 2008
Hg. Kunsthaus Raskolnikow, Dresden