Marion Porten

Ilina Koralova, Kuratorin

Der Begriff Sprache bezeichnet zum einen konkrete Zeichensysteme, zum anderen alle Handlungen, die etwas zum Ausdruck bringen, etwas mitteilen sollen. Hierzu gehören sowohl die Verbalsprache als auch die Körpersprache. Darüber hinaus wird auch von der Sprache der Bilder oder der Musik gesprochen.

In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sich Marion Porten mit gesellschaftlichen Konstrukten, Werten und Codes, die durch die Sprache im weitesten Sinne ihren Ausdruck finden. Die Künstlerin untersucht und analysiert in ihren Videos, die oft in raumgreifenden Installationen präsentiert werden, Vorurteile und Formen von Diskriminierung, durch die manche soziale Gruppen* in eine nachrangige Rolle im gesellschaftlichen Leben gedrängt werden.

Zugleich interessiert sich Porten für die Übersetzungsprozesse, die bei der Kommunikation und Übertragung von einer (Sprach)form zur anderen entstehen. Dabei handelt es sich nicht um die Übertragung eines fixierten Textes von einer Ausgangssprache in eine Zielsprache, sondern vielmehr um die Übertragung einer Aussage von einem Medium in ein nächstes, von einem Kontext in einen anderen. So entstehen offene Gefüge aus Text, Bild, Ton, Raum und Tempo, die in neue Zusammenhänge betrachtet und begriffen werden wollen.

Schon bei der Auswahl ihrer ProtagonistInnen beginnt ein Prozess von Neuinterpretierung eines Texts, einer Geste oder einer ganzen gesellschaftlichen Einstellung/Haltung. Es kommt oft vor, dass Marion Porten Frauen in „typisch“ männliche Rollen hineinschlüpfen lässt bzw. das Verhalten von Frauen in traditionell männlichen Berufen dokumentiert. So spricht eine ehemalige Bühnengröße der DDR, vor allem bekannt durch ihre Rolle als Gretchen in Inszenierungen von Goethes Faust, den berühmten Faust-Monolog; eine Stepptänzerin wiederholt die Schrittkombinationen des legendären afroamerikanischen Stepptänzers Bill (Bojangles) Robinson; eine Dirigentin wird bei der Arbeit mit ihrem Orchester begleitet.  All diese „Abweichungen“ von bestimmten Stereotypen visualisieren auf mehreren Ebenen einerseits den Prozess des Übersetzens und anderseits die dadurch entstehenden Bedeutungsverschiebungen. So werden gesellschaftliche Werte und Machtverhältnisse infrage gestellt und neue Sichtweisen gesucht.

Durch die Wahl präziser Stilmittel spiegelt Marion Portens visuelle Sprache deutlich ihre Haltung gegenüber dem Thema und gegenüber den DarstellerInnen. Werden Gesten, Mimik und Bewegungsabfolgen gefilmt, befindet sich die Kamera dabei stets mit den Agierenden auf Augenhöhe. Der respektvolle Umgang zwischen der Künstlerin und den gefilmten Personen ist in den (Bild)Einstellungen deutlich wahrnehmbar. Der unbequeme Filmrhythmus, der häufig durch grobe, harte Schnitte erzeugt wird, schärft die Konzentration für das Medium und für die Situation in der sich die BetrachterInnen befinden. Marion Portens „filmisches Sprechen“ ist eine raffinierte Balance zwischen emotionaler Beteiligung und distanzierter Beobachtung.  


Text aus: Einen Ort herstellen / 2010
Hg. Ilina Koralova  u. Neuer Sächsischer Kunstverein / Festspielhaus Hellerau


*(siehe dazu Portens Arbeiten zum Thema Homosexualität im Tierreich, Wunderwelt Verhaltensforschung; Blackface-Minstrel, afroamerikanische Schauspieler im 19.Jht Sentiment is for Audiences; geschlechtsspezifische Gestik, The Way You Move; etc.,..)