Wie es ist.

Barbara Steiner, Kunsthistorikerin, Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, ©2002

Ein holländischer Zoo: Regelmäßig finden „Gayded Tours“ statt. Die Hauptattraktion ist „Pippi“, die mittlerweile zum Symbol der Homosexuellengemeinschaft der Stadt avanciert ist. Der Museumsdirektor erzählt, dass die Schimpansin sexuelle Beziehungen zu anderen Weibchen pflegt und sich nicht mit Männchen paart. Journalisten aus aller Welt bekundeten großes Interesse an „Pippis“ Verhalten. Der Tierpfleger hingegen streitet ihre Homosexualität entschieden ab, er gibt an, dass sie früher heterosexuelle Beziehungen einging und ein totes Kind gebar. Wenn sie zu weiblichen Affen zärtlich sei, hieße das noch lange nicht, dass sie lesbisch sei. Die Kommunikationsleiterin erklärt, dass sich Pippi von einem homosexuellen zu einem heterosexuellen Affen entwickelt habe. In ihrem Zoo gäbe es einfach keine gleichgeschlechtlichen sexuellen Beziehungen.

So weit die Geschichte von „Pippi“. Sie wird erzählt von Marion Porten, die sich in ihrer künstlerischen Arbeit dem Thema „Homosexualität im Tierreich“ widmet. In acht Stationen stellt sie verschiedene Beispiele vor: Hyänen, Käfer, Kob-Antilopen, Grizzlybären (zweimal), Möven, Westindische Manatees, und eben besagte: „Pippi“. Visualisierung und Beschreibung ändern sich von Station zu Station: Aus Pappe ausgeschnittene Hyänen werden bei ihrem Begrüßungsritual in Form einer Diaschau vorgeführt, eine Overheadprojektion zeigt zwei männliche, kopulierende Käfer, die Zeichnung des lesbischen Silbermövenpaars wird als Puzzles ausgestellt, bei den Kob-Antilopen visualisieren fünf Strichzeichnungen den Paarungsablauf zweier Weibchen, ein Video, der Ausschnitt einer Führung von Marion Porten im American Museum of National History, führt in das Geschlechtsverhalten der Grizzlybären ein, ein T-Shirt bildet eine Bärinnenfamilie ab, ein weiteres Video erzählt die Geschichte von „Pippi“ wie eingangs beschrieben. Die gesprochenen Texte der Audioführung wechseln zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen mit objektivem Anspruch und subjektiven Beschreibungen durch die Künstlerin oder anderer, mit den jeweiligen Tieren vertrauter Personen. Immer wieder bezieht sich die Künstlerin auf Wissenschaftler, die sehr unterschiedliche Erklärungsversuche für Homosexualität finden bzw. sich mit dem Verhältnis von Homo- und Heterosexualität auseinandersetzen. Gleichgeschlechtliche Sexualität wird in diesen Beispielen entweder als Irrtum angesehen (zu ähnliches Aussehen von männlichen und weiblichen Tieren), an Heterosexualität gemessen wird (Pseudoheterosexualität), oder es muss ein „sinnvoller, funktionaler“ Grund für dieses von der Norm abweichende Verhalten gefunden werden („Helfersyndrom“ bei homosexuellen Tieren bei der Aufzucht von Kindern). Ein interaktives, für die unterschiedlichen Stationen entwickeltes Sperrholz-Display, lehnt sich formal an didaktisch-museologische Präsentationen an, erinnert aber auch an Displays von sog. „Wanderausstellungen“, die bestimmte „Lehrinhalte“ zu Menschen bringen sollten, die traditionell keine Bildungseinrichtungen, wie etwa Museen aufsuchen. Das Präsentationssystem zeigt darüber hinaus deutlich seine Konstruktion: Bauprinzip und Montage sind auf den ersten Blick nachvollziehbar; das Holz ist nur transparent lackiert lackiert und nicht gestrichen.

Porten kratzt mit ihrer Arbeit über Homosexualität im Tierreich am Mythos eines natürlich gegebenen Verhältnisses zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern, nämlich dem männlichen und dem weiblichen, und einer daraus resultierenden sexuellen Ausrichtung bzw. umgekehrt an einem natürlichen Sexualverhalten, das ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Geschlechtern erst produziert. Die hegemoniale Rolle dieses Zwei-Geschlechter-Modells konnte und kann gesellschaftlich nur durch die Behauptung seiner „universellen“ und „natürlichen“ Gültigkeit aufrecht erhalten bleiben. Hier kommt zum Tragen, was Roland Barthes in seinem Buch „Mythen des Alltags“ beschreibt: „Das eigentliche Prinzip des Mythos: er verwandelt Geschichte in Natur [...]“ (Barthes, 1957/1964, 113). Der Mythos erhält damit ideologische Funktion, die zugrunde liegende gesellschaftliche Konstruktion „verschwindet“, um als Natur wieder aufzutauchen (Barthes, 1957/ 1964, 124). Auf das Thema „Zwei-Geschlechter-Modell“ übertragen bedeutet dies, dass sowohl die Geschichte der Sexualität und auch jene der verschiedenen Geschlechtermodelle verschwindet, und dass - und dies ist ein Kennzeichen von jeder Ideologie - bestimmte, unter spezifischen gesellschaftlichen Umständen geäußerte, Auffassungen und Artikulationen neutralisiert, verallgemeinert und mit dem Anspruch einer universellen Gültigkeit versehen werden. Alle Abweichungen vom hegemonialen Modell sind - folgt man diesem Verständnis - „abnorm“. Die Natur selbst bot und bietet die besten Argumente, die „Natur der Sexualität und des Zwei-Geschlechter-Modells“ zu belegen. Denn, was liegt näher als im Tierreich nach natürlich gelebter Sexualität Ausschau zu halten, nach einer Sexualität, die im Laufe der kulturellen Entwicklung nicht überformt bzw. der nicht Zwang angetan wurde, die sozusagen noch ursprünglich ist. Vom Tierreich ausgehend kann man dann stillschweigend aus der Tatsache der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung von Tier (und Mensch) auf ein Natur gegebenes heterosexuelles Begehren sowie auf eine in der Natur begründete Zwei-Geschlechter-Ordnung schließen. Deshalb erstaunt es nicht, wenn Marion Porten in Zusammenhang mit ihrer Installation darauf hinweist, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Homosexualität im Tierreich bis in die 80er Jahre des 20sten Jahrhunderts als unnatürlich, abnorm, pervers, pathologisch oder bizarr bezeichnet wurde. Mit wissenschaftlichen Begründungen wurde nicht gespart: von hormonellen Abweichungen, einem Mangel an heterosexuellen Möglichkeiten bis hin zum Verwechseln der Geschlechter reichen die Erklärungsmuster für ein solches Verhalten. Vor diesem Hintergrund erscheint es nur folgerichtig, wenn sich die Künstlerin in ihrer Arbeit ebenfalls dem Tierreich zuwendet und ihrerseits die Verbindung zwischen Sexualität und Natur thematisiert. Doch geht es ihr offensichtlich nicht darum, die homosexuellen Lebensweise an die Stelle der heterosexuellen zu setzen, sozusagen eine „Natur“ gegen die andere auszutauschen, sondern die beiden zugrundeliegenden gesellschaftlichen Konstruktion aufzudecken. Porten widmet sich in ihrer Arbeit jenen Definitionen, Bewertungen, Eigenschafts- und Bedeutungzuschreibungen, die mit der jeweiligen sexueller Ausrichtung einher gehen, da die Abgrenzung zwischen männlich und weiblich, zwischen hetero- und homosexuell - wie bereits angedeutet wurde - nämlich ganz und gar nicht wertfrei, sondern durchaus mit einer hierarchischen Differenzierung verbunden ist – wie die Künstlerin aus eigener Erfahrung weiß.

Der Begriff Heterosexualität beinhaltet nämlich nicht nur die sexuelle Anziehung verschieden geschlechtlicher Personen, sondern auch eine spezifische gesellschaftliche „Organisationsform von Sexualität“, die historisch gewachsen, von bestimmten Machtverhältnissen hervorgebracht worden ist und diese auch widerspiegelt. In „Sexualität und Wahrheit“ und in „Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit“ weist Michael Foucault explizit auf den Zusammenhang von Macht, (organisierter) Sexualität, vorherrschenden Diskurspraktiken und dem Anspruch auf Wahrheit hin. Die Zwei-Geschlechter-Ordnung betont die Differenz, Komplementarität und Hierarchie der Geschlechter und ordnet sexuelle Ausdrucksformen dem Ziel der Fortpflanzung unter. Thomas Laqueur betont in seinem Buch „Auf den Leib geschrieben“, dass die allgemeine gesellschafliche Vorstellung noch bis in die Mitte 18. Jahrhundert dem „Ein-Geschlechter-Modell“ folgte. Nach Laqueur "wußte" man über zwei Jahrtausende, dass Frauen im Prinzip die gleichen Genitalien wie Männer haben, mit dem einzigen Unterschied, dass die Genitalien der Frauen innerhalb statt außerhalb des Körpers zu finden seien. Die Frau galt in diesem Modell als minderwertige Version des Mannes. Erst Ende 18. Jahrhundert setzte sich eine binäre und kontradiktorisch gedachte Beziehung zwischen Männern und Frauen durch.

Kommen wir zurück zu Porten: Wenn etwa der Tierpfleger von „Pippi“ die unterschiedlich an sie heran getragenen Projektionen und Interpretationen ihre sexuelle Natur betreffend mit: „Jeder sieht das, was er sehen will“ kommentiert, dann bestätigt er damit unfreiwillig, dass Wahrnehmung und (gesellschaftliche) Bewertung von Sexualität außerordentlich relational sind und je nach Sprecherstandpunkt divergieren. Portens Arbeit handelt letztendlich genau von diesem Phänomen: Verschiedene Einschätzungen und Funktionszuweisungen produzieren Einstellungen und damit auch eine bestimmte Form von Sexualität. Der Künstlerin gelingt, aufgrund des gezielten Einsatzes einander widersprechender Aussagen und der heterogenen, unterschiedliche mediale Ausdrucksweisen nutzenden Visualisierung, etwas sehr Wichtiges: Sie bricht die „Natur“ und damit Hegemonie der zweigeschlechtlichen Beziehung auf der Basis der sexuellen Orientierung auf und weist immer wieder auf die gesellschaftliche Konstruktion sowohl von Sexualität als auch des Zwei-Geschlechter-Modells hin.

Barthes, Roland. Mythen des Alltags, [1959], Frankfurt a.M., 1964
Foucault, Michel. Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin, 1978
Foucault, Michel. Sexualität und Wahrheit, 3 Bde., Der Wille zum Wissen, 1977, Der Gebrauch der Lüste, 1986, Die Sorge um sich, 1986, alle: Frankfurt a.M.
Laquer, Thomas, Auf den Leib geschrieben, München, 1996

Text aus:
Wunderwelt Verhaltensforschung / Eine Skulptur von Marion Porten / 2003
Hg. Dresdner Bank AG Kunst und Wissenschaft