Tauber Alltag, Ansichten & Perspektiven

2015–17 / Idee, Regie: Aline Stein, Tatjana Mundhenk / Kamera, Ton, Schnitt: Marion Porten / 10-teiliger Episodenfilm / HD / Farbe 86:00 Min. / DGS, Deutsche Gebärdensprache & deutsches Voice Over

Meine hörende Zwillingsschwester Aline begleitet als Fachberater*in des IFD(1) seit zwei Jahrzehnten Taube(2) Menschen in ihren Arbeitssituationen. Zusätzlich führt sie mit ihrer hörenden Kolleg*in Tatjana Mundhenk und einem Team Tauber u. hörender Dozent*innen
Kommunikationstrainings in Betrieben durch. Die Trainings fokussieren die Informations- und Kommunikationsdefizite, welche hörende Arbeitnehmer*innen/geber*innen in Beziehung zu ihren Tauben Kolleg*innen haben, und fördern die gemeinschaftliche Kommunikation.

Missverständnisse durch die unterschiedlichen Kommunikationsformen – Gebärdensprache und/oder Lautsprache – erschweren häufig den Arbeitsalltag unter Kolleg*innen. Nicht-Wissen und Vorurteile von Lautsprachler*innen führen so häufig zu Diskriminierungserfahrungen von Gebärdensprachler*innen.

Aline Stein und Tatjana Mundhenk entwickelten gemeinsam mit den KomBe- Dozent*innen Antoinette Brücher, Dirk Münch, Lemonia Rose und David Urbanczyk ein Konzept für einen Film, der in den Kommunikationstrainings eingesetzt werden sollte. Häufig gestellte Fragen von Hörenden im Kontext von Gehörlosenkultur und –alltag wurden darin aufgegriffen und verhandelt, genauso wie Taube Realitäten, Themen und Erfahrungen in einer mehrheitlich hörenden Welt.

Schließlich wurden zehn Aspekte ausgewählt, die in einzelnen Episoden filmisch inszeniert wurden. Die Tauben Dozent*innen waren dabei die Protagonist*innen und Vermittler*innen der von ihnen eingebrachten Themen meist selbst.

Zwei Jahre haben wir gemeinsam an dem Film gearbeitet. Ich  übernahm die Kameraarbeit, Tonaufnahme, den Filmschnitt und Aufnahme und Schnitt des Voice Overs. Die Zusammenarbeit mit dem gesamten Team war auf persönlicher, formaler und inhaltlicher Ebene sehr bereichernd für mich.

Ich lernte u.a., wie „hörend“ mein (Kamera-)Blick war, – den dreidimensionalen Gebärdenraum filmisch mitzugestalten, war etwas völlig Neues für mich. Die Gebärdensprache ist aufgrund ihrer Räumlichkeit und Gleichzeitigkeit vieler Informationen eine sehr komplexe und schnellere Sprache als die Lautsprache.

Die Erfahrung, an den Drehorten die einzige zu sein, die zu diesem Zeitpunkt (noch) keine Gebärdensprache sprach, – wie auch die unermüdliche Ermutigung zur Kommunikation und Teilnahme (trotz meiner Sprachlosigkeit) durch die Protagonist*innen und Dozent*innen beeindruckten mich sehr.

Themenschwerpunkte meiner eigenen künstlerischen Praxis, wie z.B. Normvorstellungen und Normalisierungsprozesse in Mehrheitsgesellschaften sowie in marginalisierten Communities zu hinterfragen, wurden in dieser Zusammenarbeit weitergedacht und -diskutiert und durch unterschiedliche Perspektiven erweitert. Auch die erste berufliche Zusammenarbeit mit meiner eineiigen Zwillingsschwester Aline war eine intensive Auseinandersetzung mit manchmal gegensätzlichen Positionierungen und erkenntnisreichen Spiegelungen.

(1) IFD, Integrationsfachdienst GmbH Köln

(2) ‚Taub’ – großgeschrieben markiert eine kulturelle Identität statt einer biologischen Eigenschaft. Seit den 50er-Jahren wird der Begriff ‚gehörlos’ statt ‚taub’ verwendet. Mit dem Oberbegriff ‚Taub’ finden sich aktuell schwerhörige und gehörlose Menschen und CI-Träger*innen zusammen, um sich gegenseitig in einer hörenden Mehrheitsgesellschaft zu stärken und sich gegen Audismus zu soldarisieren. ‚Taubstumm’ ist dagegen als abwertend zu begreifen, da das Wort suggeriert, dass Menschen, die nicht hören stumm (und dumm) seien.

(3) ‚CI’ (Cochlea-Implantat) wird operativ dauerhaft implantiert, um Höreindrücke zu verstärken. Das Gerät ist als Instrument gewaltvoller Normalisierung stark umstritten – die Gebärdensprache wird oftmals durch CI vernachlässigt, stattdessen die Lautsprache erzwungen.

Kurzbeschreibung der zehn Episoden des Films

1/10 Festival der Gebärdensprachen: Begegnungen mit Künstler*innen und Besucher*innen auf dem Festival Clin d‘Oeil, dem internationalen Theater-Tanz-Film-Kunstfestival der Gebärdensprachen in Reims, Frankreich.

2/10 Bedeutung der Gebärdensprache:
Reiner Griebel ist Experte für die Geschichte der Gebärdensprachen. Er spricht über die Veränderungsprozesse der Sprache, die Wichtigkeit ihrer gesellschaftlichen und politischen Anerkennung und ihr Fortbestehen im Kontext der Debatten um ihre Verdrängung durch das CI(3). 

3/10 Technik im Alltag:
KomBe-Dozent* Dirk Münch gibt uns in seiner Wohnung Einblick in die Alltagstechniken, die er nutzt; Lichtwecker, Türklingel/Signalanlage, Videotelefonie. Da der Drehtag sein Geburtstag ist, gibt es Anrufe und Besuch. Sein hörender Freund Franco hat die deutsche Gebärdensprache gelernt, die Nachbar*in (noch) nicht, trotzdem klappt die Kommunikation.

4/10 Medien im Alltag:
KomBe-Dozent*in Antoinette Brücher diskutiert gemeinsam mit ihrem Mann Marc den Umgang mit Medien. Während die Sendung Sehen statt Hören im TV läuft, sprechen sie über den Zugang zu Wissen und Information im Fernsehen. Vor allem politische Sendungen werden noch immer kaum gedolmetscht oder untertitelt. Antoinette Brücher nennt Facebook ihr Deaf-Radio und zeigt, wie Telefondolmetschen geht.

5/10 Familientreffen (Deaf CODA):
KomBe-Dozent* David Urbanczyk und sein Bruder Patrick erzählen von den Erfahrungen als Deaf-CODA (Child Of Deaf Adults), wie wichtig es ist, mit Gebärdensprache als Muttersprache aufzuwachsen. Jolanthe Urbanczyk spricht über ihre Haltung und Freude, als auch ihr zweiter Sohn Taub zu Welt kam, – Hauptsache gesund!

6/10 Erzählkultur:
KomBe-Dozent*in Lemonia Rose ist u.a. Dozent*in für Deutsche Gebärdensprache und bildet Dolmetscher*innen aus. Zudem ist sie eine bekannte Märchenerzähler*in und gebärdet ihrem hörenden Sohn Astero „Die kleine Hexe Marga“ vor, die das Gebärden-Hexen erst lernen muss, dafür aber selbst vor Verhexungen geschützt ist, weil sie diese nicht hört.

7/10 Gebärdenchor:
Gabriele Feuser spricht über ihr Engagement für den Kölner Gebärdenchor St. Georg, von ersten Hindernissen bis hin zu aktuellen Erfolgen. Helga Gaede, als Kind hörend, erinnert sich heute mit Hilfe der Gebärdenlieder an die Musik ihrer Kindheit. Durch den Chor hat sie den Zugang zur Musik wiederentdeckt, sie versteht und empfindet die Texte und die Emotionen, die mit der Musik verbunden sind.

8/10 Engagement in der Kita:
KomBe-Dozent*in Lemonia Rose holt ihren hörenden Sohn Astero von der Kita ab. Sie trifft die hörende Erzieher*in Tanja Niermann, die in der Kita einen Kindergebärdenkurs anbietet. Mit viel Überzeugungsarbeit erreicht Lemonia Rose, dass ihre Sprache in der hörenden Welt immer selbstverständlicher wird.

9/10 Ehrenamt mit Hund:
Rob Davis bildet seinen Hund Bailee zum Therapiehund aus. Die hörende Hundetrainer*in Angelika Runkel hilft ihm dabei. Rob Davis begleitet Taube Menschen im Alter und arbeitet so gegen die, – wie er sagt „doppelte Vereinsamung gehörloser Menschen“ in einem hörenden Umfeld.

10/10 Max Ernst Förderschule:
In der Klasse von Fabian, Justus, Laura, Maxi und Sevdenur wird mit Lautsprachbegleitender Gebärdensprache die Schriftsprache erlernt. Alle sind außerdem Artist*innen im Zirkus Strammer Max, ein gemeinschaftliches Projekt von Lehrer*innen und Schüler*innen mit wöchentlichen Trainings, nervenaufreibenden Kunststücken und überregionalem, tosendem Applaus.

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